Als die Brachtenbeck zur Gefahr wurde
Ein Zeitzeugenbericht von Volkmar Hache über die Flutkatastrophe vom 14. Juli 2021
Als die Flut am 14. Juli 2021 die Brachtenbeck in einen reißenden Strom verwandelte, wurde aus einem vertrauten Bach innerhalb weniger Stunden eine zerstörerische Naturgewalt.
Volkmar Hache, der seit fast 70 Jahren an der Hamelsrolle lebt, schildert seine Erlebnisse und warnt zugleich vor den Folgen ausbleibender Hochwasservorsorge:
Seit meiner Kindheit lebe ich an der Hamelsrolle in der Brachtenbeck. Lediglich während meiner Studienzeit wohnte ich einige Jahre außerhalb. In all den Jahrzehnten habe ich den Bach in nahezu jeder Jahreszeit erlebt. Er gehörte zum Alltag, war vertraut und berechenbar.
Früher war die Brachtenbeck ein lebendiges Gewässer. Quappen, Kröten und zahlreiche andere Tierarten waren hier heimisch.
Im Sommer plätscherte der Bach leise dahin, Forellen standen in den Kolken zwischen den Steinen.
Im Herbst führte er oft nur wenig Wasser. Nach der Schneeschmelze im Frühjahr schwoll er regelmäßig an, färbte sich braun vom aufgewühlten Lehm und transportierte große Steine talwärts. Auch bei kräftigen Regenfällen stieg das Wasser gelegentlich bis an die Oberkante unserer Gartenmauer, doch niemals darüber hinaus.
Der 14. Juli 2021 begann zunächst wie ein gewöhnlicher Sommertag. Allerdings hatte es bereits seit dem Vortag nahezu ununterbrochen geregnet.
Der Waldboden war vollständig durchnässt, Wege standen unter Wasser. Im benachbarten Grennigloher Weg war ein Durchlass durch Baumstümpfe und Äste verstopft, die nach den Fällarbeiten im abgestorbenen Fichtenbestand liegen geblieben waren. Das Wasser schoss deshalb ungehindert die Strasse hinunter und bedrohte dort bereits Häuser.
Bei uns wirkte die Lage zunächst noch beherrschbar. Die Brachtenbeck führte Hochwasser, war aber noch nicht über die Ufer getreten. Niemand konnte ahnen, wie dramatisch sich die Situation innerhalb weniger Stunden entwickeln wurde.
Bis zum Mittag stieg der Wasserstand unaufhaltsam an. Schließlich reichte der Brückendurchlass zu den Häusern 108 bis 112 nicht mehr aus. Dort befindet sich die erste Engstelle des oberen Bachlaufs.
Zunächst floss das Wasser noch langsam über das Grundstück des Hauses 108 in den ehemaligen Stauteich. Diese kurze Atempause nutzten wir, um Kellerfenster mit Brettern zu sichern, Mülltonnen als Schutz davorzustellen und diese mit Baumstümpfen zu beschweren.
Auch am Wasserradschacht und am sogenannten Schütt versuchten wir, mit Brettern, Blechen und Steinen das Eindringen des Wassers zu verhindern.

Währenddessen nahm die Gewalt des Baches immer weiter zu. Mit ohrenbetäubendem Lärm schoss das Wasser durch die enge Schlucht oberhalb des Wehrs. Diese Engstelle entstand erst durch die künstliche Aufschüttung der früheren Talaue, auf der später eine Autowerkstatt errichtet wurde. Zwischen der Aufschüttung und dem steilen Berghang blieb dem Bach kaum noch Platz.
Gegen 15.30 Uhr floss das Wasser erstmals durch unseren Garten. Zunächst glaubten wir noch, dies sei der Höchststand. Doch der Pegel stieg weiter.
Bald stand das Wasser kniehoch, und der Bach riss Geröll, Äste und ganze Baumstämme mit sich. Vieles davon stammte aus den liegen gebliebenen Resten der abgestorbenen Fichtenbestände.
Gegen 17 Uhr war der Brückendurchlass vollständig mit Holz und Steinen verstopft. Von diesem Augenblick an konnte der Bach seinem eigentlichen Bett nicht mehr folgen. Die Wassermassen strömten über die gesamte Breite unseres Grundstücks. Jetzt begann die eigentliche Katastrophe.

Die gesicherten Kellerfenster des Hauses 110 hielten dem enormen Wasserdruck nicht mehr stand. Die beschwerten Mülltonnen wurden fortgerissen, die Fenster eingedrückt und Schlamm sowie Geröll füllten innerhalb kürzester Zeit die Kellerräume. Gleichzeitig schossen die Wassermassen in den Wasserradschacht und setzten auch den Keller der Hamelsrolle unter Wasser.
Oberhalb des Wehrs lagerte der Bach riesige Mengen Holz und Geröll auf dem Grundstück des Hauses 114 ab. Die dortige massive Holzbrücke wurde von den Fluten einfach mitgerissen. Es war erschütternd, mit ansehen zu müssen, wie sie innerhalb weniger Augenblicke verschwand.
Für weiteres Beobachten blieb keine Zeit. Unsere ganze Aufmerksamkeit galt nun dem Schutz unseres Hauses. Das Wasser, das über Schütt und Mauerkrone lief, leiteten wir mit einer provisorischen Barriere aus Brettern in den bereits überfluteten Garten. Im Keller fiel teilweise der Strom aus, nachdem das Wasser die Decke erreicht hatte. Wenig später drang das Bachwasser auch durch die Haustür ins Gebäude ein.

Den Inhalt unseres Tiefkühlschranks konnten wir nicht mehr durch den Eingang retten. Wir reichten die Lebensmittel stattdessen durch das Fenster des Kaminzimmers in das höher gelegene Nachbarhaus.
Doch selbst das war nur eine Zwischenstation im Kampf gegen die Fluten.
Zunächst versuchten wir noch, das eindringende Wasser mit Handtüchern aufzuhalten.
Als das Wasser schließlich selbst durch die Dichtungen des Wintergartens drückte, blieb uns nichts anderes übrig, als ununterbrochen zu schöpfen.
Mit Margarineschalen schoben wir das Wasser in Eimer und kippten diese durch das Küchenfenster wieder hinaus. Stunde um Stunde arbeiteten wir ohne Pause, um das Erdgeschoss vor einer vollständigen Überflutung zu bewahren.
Erst gegen 21.30 Uhr erreichte der Wasserstand vor dem Wintergarten mit rund 30 Zentimetern seinen Höchststand. Bis 23 Uhr schöpften wir ununterbrochen weiter. Erst danach begann das Wasser langsam zu fallen.
Gegen Mitternacht drang kein weiteres Wasser mehr ins Haus. Wir waren vollkommen erschöpft und konnten zunächst kaum begreifen, was geschehen war.
Am nächsten Morgen zeigte sich das ganze Ausmaß der Zerstörung. Das Kopfsteinpflaster war unterspült oder fortgerissen, der Zaun zerstört und der Garten unter gewaltigen Geröllmassen begraben. Das Bachbett war so stark aufgefüllt, dass die Brachtenbeck nun mitten durch unseren Garten floss. Selbst das Wehr und Teile des Nachbargrundstücks waren vollständig verschüttet.

Fünf Jahre später sind die Schäden an der Hamelsrolle zwar teilweise beseitigt. Doch die eigentlichen Ursachen bestehen weiterhin.
Die künstliche Aufschüttung hat einen steilen und inzwischen äußerst instabilen Hang entstehen lassen. Immer wieder rutschen Bäume in das Bachbett. Sollte sich dort bei einem erneuten Starkregen ein Rückstau bilden, drohen neue Überschwemmungen mit erheblichen Schäden für die darunterliegenden Häuser.
Die Flut vom 14. Juli 2021 war für uns weit mehr als ein außergewöhnliches Naturereignis. Sie hat deutlich gemacht, wie verletzlich unsere Landschaft geworden ist und wie wichtig vorbeugende Maßnahmen zum Hochwasserschutz sind.
Ich hoffe, dass diese Erfahrungen nicht in Vergessenheit geraten – bevor sich eine solche Katastrophe eines Tages wiederholt.
Es war ein Drama – und es zeigt mir auch wieder, dass die Zeit für die Hamelsrolle abläuft, wenn nicht vor der nächsten Flut etwas geschieht!
Bilder und Text: Volkmar Hache, 08.07.2026